Die Geschichte der Vasen
Vor einem guten Jahr hatte ich die Idee, mein Vulkanprojekt in Mexiko in die Abstraktion zu führen und dazu Gefäße, Vasen nach meinen Vorstellungen brennen zu lassen. Beim darüber Nachdenken, wie ich das bewerkstelligen könnte, erinnerte ich mich daran, dass es in Oaxaca verschiedene Orte gibt, die eine Töpfertradition haben. So fuhr ich nach Oaxaca und begab mich nach San Bartolo de Coyotepec, weil dieser Ort auf schwarze Keramik spezialisiert ist und ich dachte, dass dies gut zu meinen Vulkanen passt. Dort angekommen, fand ich auch rasch eine Töpferei, die bereit war, Keramik nach meinen Vorstellungen herzustellen, und ich war sehr zufrieden und dachte, dass dies eine sehr professionelle Art sei, Fotos zu machen. Etwas in Auftrag geben, abholen, Fotos machen und gut ist es. Ich erinnere mich noch, wie zufrieden ich mit mir war, als ich zurück nach Europa flog, zuversichtlich, dass ich nur schnell nach Mexiko musste, Vasen entwerfen, einen Monat warten, um dann Fotos zu machen. Ich dachte, dies sei die professionelle Art, und ich wäre jetzt dem Club der Auftraggeber beigetreten.
Bei meiner Rückkehr ging ich also mit meinen Entwürfen zu Sergio, so heißt der Besitzer der Töpferei, und dieser sagte mir: Kein Problem sei, komm in einem Monat wieder, dann ist alles fertig!
Damit begann mein Abenteuer mit den Töpfern. Ich besuchte die Töpferei jedes Wochenende, war zufrieden, machte weitere, kompliziertere Entwürfe, von der Prämisse ausgehend, alles sei kein Problem. Damit begannen die Probleme…
Eines Samstags kam ich in die Töpferei und Sergio sagte, die Vasen seien gebrannt und wir könnten zum Ofen gehen und sie ansehen. Wir durchquerten das Dorf und kamen zu einem großen Grundstück, auf dem sich unter einem großen Wellblechdach ein in den Boden eingelassener Ofen befand. In einem großen Erdloch befanden sich hunderte kleine Vasen und darunter auch meine großen. Als ich sie sah, war ich überglücklich; sie hatten die Spuren des Feuers und waren von einer leichten Rußschicht überzogen. Als wir sie da aus dem Ofen namen, waren sie wunderschön, Kinder des Feuers, und mir wurde bewusst, dass meine Idee funktionierte.
Dann machte ich einen riesigen Fehler, aber wie hätte ich wissen können, was folgen würde…
Weil es noch nicht alle waren, vereinbarten wir, dass ich alle gemeinsam abholen würde. Dies dauerte dann noch, weil ich auch Vasen in einem braunen Farbton in Auftrag gegeben hatte. Als der Tag dann kam und ich freudig zurückkehrte, war die Enttäuschung gewaltig. Aus irgendeinem Grund hatten sie alle schwarzen Vasen gesäubert und schwarz gefärbt, und die braunen sahen auch furchtbar aus. Ich hatte Vasen mit Feuerspuren, Charakter und Persönlichkeit bestellt und da standen 20 hässliche monochrome Keramiken, die nach nichts aussahen.
So viel zum Thema Vorfreude, Einfachheit und Zusammenarbeit. Aber ich habe gelernt. Nun wusste ich, was ich wollte, und die Frage war, wie ich es bekomme. Um ehrlich zu sein, beschäftigt mich diese Frage heute noch.
Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, in einem anderen Töpferdorf im Hinterhof eines Hauses und schaue auf einen ziemlich einfachen Ofen. Er besteht im Wesentlichen aus übereinander gestapelten Ziegelsteinen, inmitten einer Landschaft, in der sich alles Unnütze der letzten Jahrzehnte in verschiedenen Zuständen der Verwesung befindet.
Im Ofen befindet sich die zweite Charge von Sergios Töpfen. Diese gab ich bei meinem zweiten Aufenthalt in Auftrag, im Glauben, wir wüssten jetzt, was wir tun. Es stellte sich heraus, dass es schwer ist, Töpfer zu finden, die noch Vasen mit der Hand formen können. Deswegen musste ich zwei weitere Monate warten, während denen ich immer wieder vertröstet wurde. Am Wochenende vor meiner Abreise wurden sie dann endlich gefertigt, und wir verblieben so, dass die Vasen in meiner Abwesenheit trocknen und bei meiner Rückkehr gebrannt werden.
Nun ja… bei meiner Rückkehr erwarteten mich gebrannte Vasen. Diesmal dreckig und schmutzig, aber immerhin!
Gott sei Dank hatte ich mich in der Zwischenzeit in eine bezaubernde Mexikanerin verliebt und für uns sind die Vasen so etwas wie ein Running Gag geworden. Dank Eva, so heißt sie, lernte ich eine Töpferfamilie kennen, bei der ich heute im Hof sitze. Sie fertigten und brannten mir schon eine Charge, und der Hof bietet mir in seiner Unordnung Möglichkeiten, die Vasen zu fotografieren.
Beim letzten Mal hatte ich mein Telefon vergessen, aber während ich wartete, und so ein Brand dauert seine Zeit, dachte ich, dass dies der richtige Platz sei, um meine Geschichte und die Geschichte der Vasen zu schreiben.
Irgendwie hat diese Geschichte ihr Eigenleben entwickelt. Als ich jung war, hatte ich einen Töpferkurs in der Schule. Ich mochte die Materie und besonders die Lehrerin. Es war eine Katastrophe, als sie ging und die Werkstatt ihre Seele verlor. Und nun sitze ich hier vor einem rudimentären Ofen und mein Leben zieht an mir vorbei wahrend das feuer lodert und die Keramiken ihren zustand verändern…
Was mich am meisten fasziniert, ist, dass dieser Prozess einer der ältesten in der Kulturgeschichte der Menschheit ist. Mir ging es ja um den Vulkan und die Geschichte der Attribute Talocs. Aber es ist viel mehr. Das Feuer und die Herstellung der Keramik haben etwas von einem Vulkan in Miniatur. Töpfe sind wie Vulkankrater und im Spanischen haben sie denselben Namen: Caldera.
Nach dem Brennen werden die Tontöpfe zum Kochen über dem Feuer benutzt, und damit schließt sich der Kreislauf… im Feuer, auf dem Feuer, mit dem Feuer… die Geschichte unserer Vorfahren.
An so einem Ofen kann man viel lernen. Ein Brand ist wie das Leben in Miniatur. Man startet voller Hoffnung und steckt die Arbeit einer ganzen Woche oder eines Monats in den Ofen und beginnt den Brand. Dann heißt es abwarten und einen kühlen Kopf bewahren, bis der Moment kommt, den Ofen zu öffnen und das Ergebnis zu begutachten. Alles ist möglich, vom Meisterstück bis zum Zufallsglück oder aber auch eine Enttäuschung, und all die Mühe war umsonst…